| Geistig fit im Alter
Alte Menschen gehören zum alten Eisen - so dachte man bisher.
Doch mit diesem Klischee räumen moderne Senioren seit geraumer
Zeit gründlich auf.
Vorbei die Zeiten untätiger Rentner im Schaukelstuhl. Die "Generation
Isetta" bläst zum Angriff auf Lebensbereiche, die die Jungen
seit je her für sich beanspruchen.
Die "Alten" des 21.Jahrhunderts sind körperlich und
geistig fit, wissensdurstig und gestalten aktiv ihr Leben. "Productive
Aging" nennt man dieses Phänomen in der Soziologie.
Das neue Verständnis modernen Alt-Werdens spiegelt sich in dem
ständig wechselnden Angebot an speziell auf ältere Mitmenschen
zugeschnittenen Bildungsangebot wieder.
Die Grosseltern sitzen Seite an Seite mit ihren Enkeln in der Uni?
Das ist durchaus vorstellbar, denn an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität
gehört das Seniorenstudium bereits seit 1987 zum Alltag. Gegen
eine Semestergebühr von derzeit 50 Euro stehen älteren Semestern
eine Vielzahl an Vorlesungen offen. Dieses Angebot wird so rege genutzt,
dass sich junge Studenten den Wecker früher stellen, um noch
einen der begehrten Plätze in den vorderen Reihen der Hörsäle
zu ergattern.
Die Volkshochschule reagiert ebenso auf den Lerneifer der jungen Alten.
Sie bringt eigens ein über 100seitiges Programmheft "Seniorenbildung"
heraus. Darin findet man Klassiker wie Sprachen lernen, tanzen und
malen ebenso wie Studienfahrten, Wissenswertes über die Literatur
der Gegenwart und Kurse, um zusammen die Pinakothek der Moderne zu
entdecken.
Aber auch beim Umgang mit Maus und Tastatur holen Senioren kräftig
auf. Bei den über 60-Jährigen hat sich der Anteil der Internetnutzer
in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt. Moderne Ruheständler
tummeln sich mittlerweile in "50plus-Lifestyleforen" (wie
z.B. www.forum-fuer-senioren.de) oder verabreden sich in Seniorenchats
(z.B. www.seniorenchatring.de) zum Tanztee.
Aber nicht nur zur Eroberung neuer Wissensgebiete wird die neu gewonnene
Freizeit genutzt. Auch die Weitergabe des eigenen jahrzehntelang gesammelten
Erfahrungsschatzes reizt rüstige Rentner.
Alt hilft jung - nach diesem Prinzip funktionieren bundesweit mehrere
Initiativen von agilen Ex-Unternehmern die Ihre beruflichen Tipps
und Tricks an die junge Generation weitergeben.
"Schon nach acht Wochen war mir fürchterlich langweilig..."
schildert Helmut Lederer, von "Alt-Hilft-Jung e.V." (www.alt-hilft-jung.de)
seine Erfahrungen mit dem eigenen Ruhestand.
Seit acht Jahren berät der 73-Jährige gegen eine geringe
Verwaltungsgebühr junge Existenzgründer. Mittlerweile leitet
er als Vorstandsvorsitzender den ehrenamtlichen Beraterclub, der nach
"alter Unternehmersitte" geführt wird.
Lederer erzählt nicht ohne Genugtuung, dass er und seine rund
80 Kollegen in den letzten Jahren über 2500 Mal um Rat gebeten
wurden.
30 bis 35 Stunden investiert der frühere Stahlbau-Unternehmer
pro Woche für sein
soziales Engagement. "Ein bisschen Time-Management, braucht es
schon, um Familie, Freizeit und Ehrenamt unter einen Hut zu kriegen."
Doch sein Einsatz lohnt sich: "Entweder alte Annahmen bestätigen
sich, oder ich muss sie verwerfen, in jedem Fall lerne ich jeden Tag
etwas Neues dazu".
Die Unterstützung anderer Menschen dient nicht nur den Betroffenen,
auch die agilen Alt-Helfern profitieren von ihren sozialen Aufgaben.
Die symbiotische Beziehung zwischen Helfer und Geholfenem hält
jung und geistig und sozial fit.
"Ich geniesse den Kontakt mit den Menschen. Da sind die Alten,
die meine Hilfe brauchen, und auch die jungen Zivis, die Schwung in
den Laden bringen." meint eine 60-jährige Mitarbeiterin
der "Vaterstettener Nachbarschaftshilfe e. V.". Sie engagiert
sich freiwillig seit 20 Jahren, bis zu sieben Tage die Woche für
Essen auf Rädern. "Und, wenn's geht, hänge ich noch
mindestens zehn Jahre dran...".
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